GEB KITA Radolfzell | Auf Kante genäht – Besser Kita- und Bildungsplanung offensiv angehen
507
post-template-default,single,single-post,postid-507,single-format-standard,ajax_fade,page_not_loaded,,select-theme-ver-3.8.1,menu-animation-underline,elementor-default

Auf Kante genäht – Besser Kita- und Bildungsplanung offensiv angehen

Radolfzell, den 21. November 2018

Stellungnahme des GEB Kita zur Bevölkerungsvorausberechnung

Grundlage:
a) Mitteilungsvorlage „Bevölkerungsvorausrechnung 2030, Schwerpunkt Kinderbetreuung
und Schulen“ für den BSS am 09.10.2018 und 06.11.2018
b) Anlage 1 dazu: Bevölkerungsvorausrechnung 2030 [Präsentation T. Häusser, Tübingen]
Quelle: Ausschuss für Bildung, Soziales und Sicherheit, 6.11.2018, TOP Ö 5.1.
„Bevölkerungsvorausrechnung 2030, Schwerpunkt Kinderbetreuung und Schulen“
(https://www.radolfzell.sitzung-
online.de/bi/___tmp/tmp/45081036646879657/646879657/00091410/10.pdf)

Der GEB Kita widerspricht der Bevölkerungsvorausrechnung 2030; aus seiner Sicht ist v.a.
Folgendes zu kritisieren:
• die Bevölkerungsvorausrechnung 2030 ist zu defensiv,
• sie lernt nicht aus den Fehlplanungen der zurückliegenden Jahre,
• sie beachtet bundes-, landes- und lokale Entwicklungen zu wenig und
• sie berücksichtigt weder Einmaleffekte noch den geplanten und dringend
erforderlichen Wohnraumausbau in der Stadt zureichend.

Daraus ergeben sich für den GEB Kita zwei zentrale Forderungen:
1. Künftig sollte großzügiger geplant werden. Das „Nähen auf Kante“ ging bislang immer
zulasten der Familien und der Betreuungsqualität für die Kinder. Solange es keine
eigene Stelle für Sozial- und Bildungsplanung in der Stadt gibt, ist dies durch den
Fachbereich Bildung, Jugend, Sport, Abteilung Kindertagesbetreuung zu realisieren.
2. Schon jetzt sollten konkrete „Planungsfortschreibungen“ (mit Kosten-, Zeit- und
Personalplanung) für die Situation, dass die Kinderzahlen doch steigen, konzipiert
und rollierend fortgeschrieben werden. Sonst muss man auch in dieser Hinsicht dann
bei Null anfangen, wenn es schon zu spät ist. Und auch dies geht erfahrungsgemäß
v.a. zu Lasten der Familien, v.a. jener, die wirtschaftlich benachteiligt sind.

2

Die Entwicklung von Bildungsangeboten und Familienfreundlichkeit hat dank der
umsichtigen und engagierten Planung von Gemeinderat und Verwaltung in den
zurückliegenden Monaten erfreulich an Fahrt aufgenommen. So wurden in zwei
Veranstaltungen ExpertInnen und Familien gehört, Neuerungen diskutiert und
Entwicklungen hin zu einem „Familienfreundlichen Radolfzell“ angestoßen.
Diese Tendenzen sind allerdings nicht die einzigen – es gibt auch durchaus Gegenläufiges: So
hat der Gemeinderat in seiner Sitzung vom 09.10.2018 einer großzügigen Unterstützung
benachteiligter Familien eine Absage erteilt. Die Verwaltung schlug deren Unterstützung in
ausgesuchten Feldern zu 80 % vor, der Rat bewilligte lediglich 50 % im Rahmen der
Neuordnung der Zeller Karte.
Konkret kritisieren wir an der Bevölkerungsvorausrechnung und der auf ihr fußenden
aktuellen Planung Folgendes:
1. Aktuell bewegen sich die Geburtenraten (noch ohne Binnenzuwanderung oder durch
internationale Migration) gegenwärtig in einem Korridor wie zuletzt vor den 2000er
Jahren, über mehrere Jahre hinweg betrachtet. Insofern ist es wenig hilfreich, allein
die Zeit 2010-2016 (so Folie 1, Anlage 1) einzuberechnen. Plausibler wird aus unserer
Sicht die Kombination von Frauen * Fertilität. Mit einer solchen Berechnung lag die
Vorausberechnung bekanntermaßen bereits zu früheren Zeiten jedoch kräftig
daneben, ggf. weil sie keine weiteren Sondereffekte, z. B. internationale
Zuwanderung, oder allgemeine Tendenzen z. B. der Geburtensteigerung
einberechnet hatte.
2. Sollten die projektierten Wohnbauprojekte (Folie 22, Anlage 1) tatsächlich realisiert
werden, dürften einige auch von Familien bezogen werden können. Das erhöht noch
einmal die Möglichkeit einer größeren Zahl von Kindern in der Stadt. Zudem wäre zu
prüfen, wo „familientaugliche“ Projekte verortet sind und was das dann für die
Bildungseinrichtungen in den jeweiligen Stadtteilen bedeutet. Hier fehlen konkrete
Szenarien; die derzeitigen Vorausberechnungen berücksichtigen zumindest einen
solchen Wohnraumaufwuchs differenziert nach Stadtteilen nicht ausdrücklich.
3. Deshalb sind die Szenarien einer deutlichen Abnahme der Kinderzahlen (Folie 25,
Anlage 1) zumindest nicht gesichert und hinsichtlich der weiteren Planungen zur
Stadtentwicklung zu wenig mit ihnen verzahnt.
4. Des Weiteren wird mit einer konstanten Anzahl von Kita-Plätzen geplant (Folien 26
und 27, Anlage 1). Zu fragen ist hier:
• Haben wir in der Stadt aktuell wirklich genug Plätze?
• Sind diese Plätze in der von den Familien gewünschten Qualität gegeben
(Öffnungszeiten, Fachkräfte und Fachkräfteschlüssel, pädagogische Konzepte
etc.)?
5. Geplant wird zudem mit Kindertagespflege (Folie 28, Anlage 1). Durch die Ausbildung
ist dies nicht dieselbe Qualität wie bei ErzieherInnen aus Fach- und Hochschulen. Um
eine bessere Qualität und Zuverlässigkeit der Tagespflege zu erhalten, müssten ihre
Rahmenbedingungen daher deutlich verbessert und aufgewertet werden.

3

Folglich können auch die in der Mitteilungsvorlage ausgewiesenen Annahmen nur mit einem
deutlichen Maß an Skepsis betrachtet werden:
6. In Zweifel zu ziehen ist, dass 35 bzw. 40 % Nachfrage bestehe und weiter bestehen
wird (Mitteilungsvorlage, S. 1). Dies wird von uns aus zwei Gründen angezweifelt:
• Einerseits war bislang ja kein größeres Angebot gegeben. Wäre das Angebot
größer, würde vermutlich auch mehr nachgefragt.
• Andererseits waren die Tendenzen der Nachfrage u.W. im gesamten
Bundesgebiet in den vergangenen Jahren steigend. Das dürfte dann auch für
Radolfzell gelten.
• Insofern scheinen uns nicht nur „temporäre, flexible Lösungen erforderlich“; das
wäre – zumindest mit den hier vorgestellten Annahmen – schon jetzt wieder zu
kurz gegriffen.
7. Insofern bezweifeln wir den Rückgang der 3-7jährigen ab 2022 (Mitteilungsvorlage, S.
2): Dafür liegen aktuell keine Zahlen vor – und alles andere ist abhängig von den
Entwicklungen, die angesichts der Steigerungsraten für Geburten und Zuzüge in den
vergangenen Jahren auch künftig zugrunde gelegt werden können. Träfe dies zu,
wäre auch für diese Altersgruppe die Planung zu defensiv.